Moritz Hirschl und der Kampf um die Schüttelstraße, 1872

Moritz Hirschl, Inserat, 1875

Aus: Wiener Salonblatt, 27. November 1875.

Die Nachwelt hat ihm keine Kränze geflochten. Im Gegenteil. Seinem Kontrahenten hingegen wurden Denkmäler gewidmet, Straßenbezeichnungen, und auch ein ausführlicher Wikipedia-Eintrag. Jener Kontrahent also, der das Projekt schließlich zu Fall brachte – sein Name war Josef Schöffel – wurde zudem von Karl Kraus liebevoll verewigt, in der Fackel, wo er, der Kontrahent, auch mehrmals selbst publizierte.

Moritz (bzw. Moriz) Hirschl aber ging in die Geschichte ein als böser Industrieller, der den Wienerwald abholzen wollte.

Dieser Blickwinkel soll sich nun ändern, denn es gibt viel über ihn zu erzählen. Hirschl und seine Angehörigen waren für das Pratercottage von großer Bedeutung, hatten es, was nun völlig vergessen ist, in tatsächlich erheblicher Weise geprägt. Der sehr wohlhabende Unternehmer wohnte und arbeitete hier bis zu seinem Tod im Jahr 1883, war also umgeben von dichtem Baumbestand; vielleicht maß er auch, möglicherweise naiv, deshalb dem Wienerwald nicht jene Bedeutung zu, die der Grüngürtel für den Rest der Donaumetropole hatte. Bis heute jedenfalls finden sich Spuren seines Lebens in die Topographie dieses Viertels eingeschrieben. Die Recherche über ihn führt zu seinem guten Bekannten, dem Komponisten Karl Goldmark (Josef-Gall-Gasse 5), über dessen Begräbnis der als Kind im gleichen Haus wohnende Elias Canetti später so eindrucksvolle Zeilen verfasste. Sie führt zu seinem Schwiegersohn, dem Bildhauer Heinrich Natter, der unter anderem – aufgepasst, Tiroler! – im Pratercottage das Innsbrucker Andreas Hofer-Denkmal schuf. Sie führt überdies zu jener Familie – es waren Verwandte seiner Frau – die bis 1938 eine der von Oskar Marmorek entworfenen Villen in der Böcklinstraße bewohnte; in diesem Gebäude wird sich danach der NS-Verbrecher Adolf Eichmann einnisten. Die Recherche ergibt zudem weiters, dass sich an Moritz Hirschl, dem jüdischen Holzhändler, schon im Jahr 1870 ein übler Antisemitismus entzündete, der in aggressiven Spottgedichten kulminierte.

All dies wird noch zu berichten sein, auch seine karitativen Spendentätigkeiten werden in diesem Blog erstmals Erwähnung finden. Heute aber soll auf einen ganz besonderen Behördentermin eingegangen werden.

Datum: 8. März 1872, 15.00 Uhr. Ort: Schüttelstraße, nicht weit entfernt von der Verbindungsbahn. Hintergrund des Termins: Angesichts der nahenden Weltausstellung 1873 sollte der am Donaukanal entlang führende Verkehrsweg verbreitert werden. Es war ein Ansinnen, dem sich der unwillige Grundeigentümer Moritz Hirschl vehement entgegen stemmte. Die Stadt Wien reagierte mit Härte: Ein Teil des Hirschl’schen Grundstückes sollte zu diesem Zwecke enteignet werden. Zum anberaumten, oben erwähnten Schätzungstermin nun gab der zornige Gemeinderat Leopold Paffrath im Rathaus zu Protokoll:

»Von Seiten der Kommune waren die gemeinderätliche Kommission mit ihrem Vertreter Dr. Vollmayer, dem Magistratsrat Lekisch, und Sekretär Oertl und Ingenieur Hajek erschienen, welche Kommission bis 3/4 4 Uhr wartete. Von Seiten der Gegenpartei ist niemand erschienen, selbst der vom Gerichte bestellte Notar Mayer nicht. Ich erlaube mir die Anfrage, ob dem Herrn Bürgermeister etwas von einer Absage bekannt ist, und welches Verfahren er gegenüber einer so rücksichtslosen Weise der Gegenpartei zu veranlassen gedenkt.«

Der so angesprochene Cajetan Felder, Wiens liberaler Bürgermeister, erklärte in seiner Antwort, dass Hirschls Familie einen plötzlichen Todesfall zu beklagen hatte (Friedrich Porges, ein junger, in Wien sehr bekannter Arzt und Hirschls Schwiegersohn, Anm.) und daher um Verschiebung gebeten habe. Gleichzeitig hob er hervor, dass »diese Angelegenheit« (gemeint war die Verbreiterung der Schüttelstraße) von Moritz Hirschl »monatelang mutwilligerweise verzögert« worden wäre. Hirschls persönliche Anwesenheit bei diesen Terminen also, so Felder abschließend, wäre hinkünftig nicht mehr notwendig: Er habe »bereits den Auftrag gegeben, dass die Tagsatzung schleunigst vorgenommen und von dem Schuldtragenden der Kostenersatz begehrt wird.«

Nach Leopold Paffrath wurde einige Jahre später im Pratercottage, zwischen Schüttel- und Böcklinstraße, eine Gasse benannt, was vielleicht auch als kleine Spitze gegenüber Hirschl zu werten ist. 2014 jedenfalls, als Anrainer der mehrspurigen, so häufig von Autos verstopften Schüttelstraße, kann man nur bedauernd feststellen: Schade, dass Moritz Hirschl den Kampf um diese Straße verloren hat, wirklich schade. Aber für seinen von tapferen Hinhaltetaktiken geprägten Versuch sollte man ihm danken. Und einen Kranz flechten.

3 Kommentare zu “Moritz Hirschl und der Kampf um die Schüttelstraße, 1872”

  1. danke für diesen interessanten blog eintrag! herzlich, ortrun veichtlbauer

  2. […] (1844-1892), die seine Witwe Ottilie im Jahr 1914 veröffentlicht hatte. Ottilie, die Tochter des hier schon erwähnten Industriellen Moritz (Moriz) Hirschl, hatte das von mir erworbene Buch offenbar ihrer Schwägerin Mathilde Stern und deren Mann Samuel, […]