Der melancholische Schmerzensmann der Belle Époque. Auguste-Olympe Hériot, Rustenschacherallee 30 (ab 1929)

Auguste-Olympe Hériots Wurzeln und die Quelle seines Reichtums: Das Pariser Großkaufhaus Grands Magasins du Louvre. Hier schlug die Geburtsstunde der Konsumgesellschaft.

Noch während 2011 mehrere britische Städte von abrupten und sehr heftigen Ausschreitungen erschüttert wurden, publizierte Zygmunt Bauman einen viel beachteten Essay. Seine Kernthese: »These are riots of defective and disqualified consumers.« Ob man ihm nun zustimmt oder nicht – der renommierte Philosoph und Soziologe eröffnete damit jedenfalls eine interessante Debatte über die soziokulturellen Auswirkungen der Konsumgesellschaft, die in den kommenden Jahren an Intensität wohl zunehmen wird.

Warum dieser die aktuelle Politik betreffende Verweis hier, in einem Text über Auguste-Olympe Hériot, zu finden ist? Nun, sobald man sich auf dessen Spuren begibt, stösst man unweigerlich auf Émile Zolas Das Paradies der Damen (Au Bonheur des Dames). Der umfangreich, auch anhand vieler Interviews, recherchierte und 1883 erschienene Roman rund um ein Pariser Warenhaus enthält nicht nur wesentliche Elemente der Hériot’schen Familienchronik, sondern entpuppt sich überdies als verblüffend scharfsichtiges Porträt einer Gesellschaft, die, gesteuert durch ausgefeilte Verkaufstechniken, sich einem ungehemmten Shoppingwahn hingibt. Vieles, allzu vieles klingt hier höchst vertraut: »Endlich wurde geöffnet, und der Strom der Kunden setzte ein. Gleich in der ersten Stunde, noch ehe die dahinter liegenden Geschäftsräume sich gefüllt hatten, entstand unter dem Eingang ein solches Gedränge, dass die Polizei einschreiten musste, um den Bürgersteig für den Verkehr freizuhalten. Mouret hatte richtig gerechnet: eine geballte Masse von Köchinnen, Haushälterinnen und kleinen Bürgersfrauen stürzte sich auf diese billigen Artikel, man stieß und drängte sich, ein dichter Menschenknäuel balgte sich um die Waren.«

Es waren also Szenen wie diese, die sich vor den Grands Magasins du Louvre abspielten, jenem riesigen, 1855 von Auguste Hériot (1826-1879), Alfred Chauchard und Charles Eugene Fare gegründeten Warenhaus, das gemeinsam mit dem von Aristide Boucicaut drei Jahre zuvor eröffneten Einkaufstempel Le Bon Marché dem faszinierten Zola als unwiderstehliches Role Model diente. Besagte Kaufhäuser waren die weltweit ersten ihrer Art; sie begründeten nicht nur die Konsumgesellschaft, sondern schlugen auch eine Schneise ins damals nach wie vor existierende Pariser Klassensystem: In ihren Hallen trafen erstmals in gleich berechtiger Weise kleine Angestellte auf das aufstrebende Bürgertum und Teile der Aristokratie. Allerdings wurden, wie man selbst bei dem dieser Entwicklung durchaus positiv gegenüberstehenden Zola nachlesen kann, erhebliche Teile des oftmals in kleinen, dunklen Geschäften angesiedelten Einzelhandels ruiniert und enormer Preisdruck auf die Produzenten der Waren ausgeübt.

Doch im gründerzeitlichen, von Baron Haussmann neu konzipierten Paris wurden derlei Bedenken, nun ja, ignoriert. Und so florierten die Kaufhäuser, das Le Bon Marché, das Printemps (gegr. 1865), das La Samaritaine (gegr. 1865), das Grands Magasins du Louvre. Letzeres wurde ab 1879 von Augustes Bruder Zacharie Olympe (1833-1899) geleitet. Dessen Sohn Auguste-Olympe Hériot, genannt Auguste II., der sich später in der Rustenschacherallee 30 ansiedeln sollte – und damit ironischerweise in bemerkenswerter Distanz zum pulsierenden Leben in Wiens Einkaufsstraßen -, erbte gemeinsam mit seinen Geschwistern das riesige, mit dem Shoppingtempel erwirtschaftete Vermögen.

Wie aber gelang es den Hériots und Boucicauts, ihre unangefochtene Vormachtstellung über die Brieftaschen potentieller Konsumenten zu erringen? Nicht viel anders als heute, liest sich doch Das Paradies der Damen wie eine Blaupause für H & M, Peek & Cloppenburg et al.: »Da war vor allem die überwältigende Macht, die von einem riesigen, an einem Punkt konzentrierten Warenangebot ausging; niemals durfte es an etwas fehlen, jeder gewünschte Artikel musste stets zur Stelle sein, die Kundin wurde von Tisch zu Tisch gezogen, kaufte hier einen Stoff, dort die Zutaten und wieder an einem anderen Tisch einen Mantel, sie kleidete sich ein, stieß abermals auf etwas Unvorhergesehenes und gab dem Wunsch nach allerlei überflüssigen, aber hübschen Dingen nach.« Während damals eingeführte Novitäten wie Fixpreise und deren Beschilderung sowie die extra konzipierten Kleidergrößen nach wie vor die Einkäufe bestimmen, ist das betont prunkvolle Ambiente der Grands Magasins du Louvre (inklusive Bibliothek, Babykrippe, Billardsaal und Teesalon) für heutige Ketten hingegen kein Thema.

Auguste II. allerdings war an der Entwicklung neuer Vermarktungsstrategien nur mäßig interessiert. Nach dem Verkauf der Grands Magasins hatte es ihm sein enormes Vermögen erlaubt, bar jeder finanzieller Sorgen den Lifestyle eines Belle Époque-Dandys zu pflegen – der gut aussehende Erbe besuchte häufig das Theater, ging gerne auf ausgedehnte Reisen, übte sich angeblich auch im Boxsport. Und dann waren da noch die Frauen. Viele Frauen. Dennoch sollte man nicht Stereotypen auf den Leim gehen und Hériot als oberflächlichen Müßiggänger abqualifizieren. Er pfiff auf Konventionen, war ein unsteter, nachdenklicher Aussenseiter, und über all seinen Aktivitäten lastete eine offensichtliche Melancholie. »Er wird niemals glücklich sein«, erzählte Colette, »denn er ist auf traurigem Grund gebaut.«

Ihr Lebensstil hielt das Paris der Belle Époque in Atem: Auguste Hériots Geliebte Colette (1873-1954). Die Aufnahme stammt aus 1907.

Augustes von heftiger Obsession geprägte Amour fou mit dieser radikal die Grenzen damaliger Tabus sprengenden Autorin, der als erster Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis ausgerichtet wurde und deren Texte wesentlichen Einfluß auf eine Vielzahl von Intellektuellen ausübten, darunter etwa Simone de Beauvoir, die Colette in ihrem bahnbrechenden Werk Das andere Geschlecht (Le deuxième sexe, 1949) ausgiebig zitierte – diese Amour fou begann offenbar im Herbst 1908. Hériot war damals 22 (und in eine Affäre mit Liane de Pougy verstrickt, jener berühmten Kurtisane, die später Nonne werden sollte), Colette 35 (sie befand sich in einer lesbischen Beziehung mit Mathilde de Morny, einer Verwandten von Napoleon III.). Die nicht unharmonisch verlaufende Beziehung zwischen »Kid«, wie Colette ihn nannte, und seiner damals auch als Schauspielerin tätigen Freundin dauerte bis zum Frühjahr 1911 und endete abrupt: während eines Aufenthalts in Tunesien gab Colette ihrem verblüfften Geliebten relativ kalt den Laufpass. Während Hériot in die Obhut der ihm offenbar nicht gramen Mathilde flüchtete und in eifersüchtiges Grübeln versank, setzte Colette ungerührt ihre Reise fort. Und dennoch, trotz des Glamours der beteiligten Personen: Normalerweise wäre diese Liaison nicht wirklich von Bedeutung und eher ein Fall für die Yellow Press. Doch sie zeitigte Resultate, die in die französische Kulturgeschichte eingingen. Nicht nur scheint Hériot für Colette eine Art Erweckungserlebnis gewesen zu sein – ab nun wird sie häufig jüngere Männer an ihrer Seite haben -, nein, schon im Jahr der Trennung hatte sie intensiv mit dem Gedanken gespielt, diesen Themenkomplex in belletristischer Form zu verarbeiten, und dazu Notizen angelegt.

Edelkurtisane, Fürstin, Nonne: Liane de Pougy (1869-1950).
Klug und extravagant: Mathilde de Morny (1863-1944), genannt Missy.

Vor 1914 erschienen dann in Le Matin acht Kurzgeschichten rund um einen schönen jungen Mann, der mit einer sinnlichen, selbstbewussten Kurtisane zusammenlebt, die – und hierin unterscheiden sich diese Texte wesentlich von Dumas‘ Kameliendame (1848) – seine Mutter sein könnte. Für das libertäre Paris jener Tage war diese Konstellation nicht wirklich ungewöhnlich, man denke nur an Hériots Ex-Freundin Liane de Pougy, die mittlerweile mit dem 20 Jahre jüngeren rumänischen Fürsten Ghika verheiratet war. Als Vorbilder für Chéri bzw. Clouk, wie der junge Lover wahlweise in Colettes Geschichten genannt wurde, dienten Hériot und der kokainsüchtige Sylvain Bonmariage, einer ihrer Verehrer. 1920 schließlich veröffentlichte sie den Roman Chéri. Die Verweise auf Bonmariage waren zwischenzeitlich entsorgt worden: hier trägt die Titelfigur fast ausschließlich Züge von Auguste-Olympe Hériot (dieser war übrigens mit mehreren Tapferkeitsmedaillen versehen aus dem Krieg zurückgekehrt, doch ein Wiederaufleben der einst so plötzlich beendeten Beziehung kam nicht zustande: Die seit 1912 mit einem Politiker verheiratete Colette hatte mit ihrem Stiefsohn Bertrand de Jouvenel ein Verhältnis begonnen – er war damals 16, sie 47).

Chéri, das ist Fred Peloux, jung, melancholisch, mit dunklem Haar und langen Wimpern, eine »Schönheit, die alles besitzt und deshalb nur noch unglücklicher ist«. Der Sohn einer reichen, über ziemlich nervende Charakterzüge verfügenden Kurtisane verliebt sich in die ruhige, sanfte Lea, eine »Berufskollegin« seiner Mutter und Jahrzehnte älter als er. Klopft man den Roman nicht auf seine literarischen Qualitäten ab, sondern konzentriert sich auf Auguste-Olympe Hériots Biographie, so entdeckt man erstens Erstaunliches und kann sich zweitens lebhaft ausmalen, wie es denn damals gewesen sein mag, als der Pariser Kaufhauserbe sein phänomenales, für die Architekturgeschichte so bedeutsames Gästehaus in der Rustenschacherallee errichten ließ:

»Das schlechte Wetter, aber auch Chéris Kapricen, der ein schwarzes Badezimmer, einen chinesischen Salon und ein mit Schwimmbad und Gymnastikraum ausstaffiertes Untergeschoß haben wollte, verzögerten die Fertigstellung eines Neubaus in der Avenue Henri-Martin. Auf die Einwände des Architekten antwortete er: ›Das ist mir ganz egal. Ich zahle, ich will bedient werden. Der Preis spielt keine Rolle.‹ Doch zuweilen zerpflückte er einen Kostenvoranschlag und versicherte, den jungen Peloux könne man nicht übers Ohr hauen. Tatsächlich hielt er lange Vorträge über Serienpreise, Asbestzement und farbigen Stuck, und das mit überraschender Gewandtheit und einem exakten Zahlengedächtnis, was den Unternehmern Respekt abverlangte.«

Am Puls der Zeit: Das von Friedl Dicker und Franz Singer entworfene Gästehaus der Villa Hériot in der Rustenschacherallee (Baustelle, 1932). Foto: Privatbesitz.

Aber wie nun hatte es Hériot nach Wien verschlagen? Es geschah, wenig überraschend, der Liebe wegen. 1928, und nach deren Scheidung von Otto Pollack-Parnegg, hatte der »Offizier a. D.« (so einer seiner Einträge im Telefonbuch) Hildegard Auersperg geheiratet. Anfänglich wohnte das frisch vermählte Paar in der Maxingstraße, einer schmalen, sich an die Anlage von Schloss Schönbrunn schmiegenden Verkehrsader. 1929 schließlich übersiedelten die beiden vom konservativen, nach wie vor sehr habsburgisch geprägten Hietzing in die am Rand der Jesuitenwiese gelegene Rustenschacherallee, in eine Gegend also, die auf Grund ihrer vielfältigen Bevölkerungsstruktur (und auch des nahen Praters sowie der Sportplätzen wegen) für den entwurzelten Bohémien Hériot vermutlich um einiges interessanter war. Im heimatlichen Paris allerdings war die ehemalige Gefährtin, so scheint’s, lange Zeit nicht wirklich im Bilde. Nach ihrem einstigen Liebhaber befragt, bemerkte Colette 1933 spitz: »Ich glaube, er lebt nun in Wien; einer seiner Freunde, der ihn dort traf, erzählte mir, dass ich die einzige gewesen wäre, die ihm das Gefühl gab, nicht nur an seinem Vermögen interessiert zu sein.« Bei einer anderen Gelegenheit hatte sie allerdings mehr zu erzählen: »Er beauftragte seinen Sekretär, die gesamte Einrichtung seines Pariser Hauses nach Wien zu transportieren; sogar die Telefonkabel ließ er deswegen rausreissen. Ich kann mich sehr gut an sein Heim erinnern, mit all den Papageien und Tigerfellen.«

Colettes Aussagen korrespondieren auf bemerkenswerte Weise mit Berichten zu den spektakulären Innenräumlichkeiten der Villa Hériot. Über das coole Interieur des Gebäudes, das so gar nichts von jenem ornamentalen Pomp hatte, mit dem ihr Bewohner aufgewachsen war, und auch über das es ergänzende, von den Bauhaus-Architekten Friedl Dicker und Franz Singer entworfene Gästehaus wurde in diesem Blog ja schon berichtet. So gut dokumentiert allerdings der äußere Rahmen ist, mit dem sich Hériot und seine Gattin in ihrem praternahen Refugium umgeben hatten, so wenig weiß man (noch) über das Leben dieses Paars in dem von Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Ständestaat und Nazi-Bedrohung geprägten Wien jener Jahre. Die Ehe jedenfalls war 1938 zu Ende; Auguste und Hilda ließen sich scheiden. Während Hilda Auersperg (1895-1981) nach Hitlers Einmarsch Österreich den Rücken kehrte und 1946 in den USA den von den Nazis beraubten und aus Wien vertriebenen Louis Rothschild (1882-1955) heiratete, liegt das weitere Leben ihres Ex-Gatten im Dunkeln. Vermutlich kehrte er, der ein Angehöriger des französischen Militärs war, nach Paris zurück. Spätestens ab 1940 jedenfalls wurde die Villa in der Rustenschacherallee nicht mehr von ihm bewohnt. Mit ihrem Abriss (und auch mit jenem des Gästehauses) 1960 sind überdies die letzten im Pratercottage existierenden Spuren von Auguste-Olympe Hériot verschwunden. Er sollte davon allerdings nichts mehr erfahren: »Kid«, dieser so melancholische Überlebende der Belle Époque, verstarb 1951 und somit drei Jahre vor Colette. Sie hatte sich erneut, doch nun zum letzten Mal, als zäher erwiesen.

Die unerträgliche Leere des Seins (und interessanter, als viele Kritiken suggerieren): Stephen Frears‘ filmische Adaption von Chéri (2009) hievte „Kid“ alias Auguste-Olympe Hériot auf die Kinoleinwand.

LITERATUR
Émile Zola, Das Paradies der Damen (Online auf Projekt Gutenberg + kostenlose Kindle Edition bei Amazon)
Colette, Chéri / Chéris Ende (Fischer; 2009)
Judith Thurman, Colette (Berlin Verlag; Berlin 2001)

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