Claire Wiener wird vermisst. Rustenschacherallee 40, 1914

Die Ulica Ruska (Ruska-Straße) in Tarnopol, ca. 1910. [Siehe auch Google Street View, Mai 2015.]

Die Entfernung vom Bahnhof zur Stadt betrug einen halben Kilometer; den oftmals mit reichlich Gepäck beladenen Reisenden standen, falls gewünscht, Ein- und Zweispänner zur Verfügung – so ließ sich die Distanz definitiv besser überwinden. In Tarnopol selbst, der galizischen Stadt östlich von Lemberg und schon nahe der Grenze zum zaristischen Russland, gab es drei »Hotels ersten Ranges« (Puntschert; Landau; Gold), einige wenige empfehlenswerte Restaurants (etwa das Graeser im Hotel Puntschert mit Pilsner Bier auf der Getränkekarte; außerdem das Zakrzewski und das Giziecki), zwei Caféhäuser (Wiener Café und Theater-Café) oder auch den hübschen städtischen Garten mit einer Konditorei. Im Juli fand alljährlich ein berühmter Pferdemarkt statt. Und dann war da noch ein idyllisch am langgezogenen Teich angesiedeltes Schloss, das der k.u.k. Armee als Militärkaserne diente.

Diese wertvollen Details über die 1890er Jahre in der nunmehr ukrainischen Stadt entnehmen wir Adolf Inlenders verdienstvollem Werk Illustrirter Führer auf den k.k. Österr. Staatsbahnen für die Strecken: Lemberg-Krasne-Podwołoczyska, Krasne-Brody, Lemberg-Stanislau-Kolomea-Śniatyn-Czernowitz, Kolomea-Słoboda rungurska, Kolomea-Kniażdwór, Stanislau-Buczacz-Husiatyn, Stanislau-Woronienka, Podolische Bahnen.1 Als Inlender sein Buch verfasste, hatte Tarnopol, das heute Ternopil heißt, rund 26.000 Einwohner, lebte teilweise vom Getreidehandel und präsentierte sich nicht wirklich glamourös.

Hier also, in diesem abgelegenen galizischen Städtchen mit seinen Händlern und k.u.k. Infanteristen, wurde im Jahr 18912 Claire Wiener geboren. Claire war die Schwester von Rositta von Gutmann (bis 1938 wohnhaft in der Rustenschacherallee und in diesem Blog schon erwähnt), sie war ein Teil des internationalen Jetsets, sie war eine Frau, die, siehe nachfolgend im Text, selbst Karl Kraus beschäftigte und somit auch Eingang in die Annalen der Fackel fand. Kraus, welcher mit den Gegnern der »Lebedame« Claire Wiener abrechnete, schien ebensowenig wie der Historiker Heinrich Benedikt, der Claires Schwester Rositta in seinen Erinnerungen unter anderem »eine bekannte Kurtisane von außergewöhnlicher Schönheit« nannte3, ein Problem mit der extravaganten Freizeitgestaltung der beiden vermutlich klugen und ziemlich sicher sehr charismatischen Frauen zu haben. Nicht jeder allerdings sah das so: Kraus, wiewohl alles andere als ein Fan feministischer Bewegungen, sprach diesbezüglich von der »subalternen Gehässigkeit der bürgerlichen Moral«.

Im Sommer 1914 wohnte Claires Mutter Regina Wiener bei ihrer Tochter Rositta in der Villa Rustenschacherallee 40 (damals: Prinzenallee). Claire hatte sich schon seit längerem nicht gemeldet, man machte sich natürlich große Sorgen. Ein Anwalt, Siegmund Grab (Kanzlei: Spiegelgasse 13, 1010 Wien4), wurde eingeschaltet und Annoncen mit der Bitte um Auskunft in der Neuen Freien Presse veröffentlicht.

Neue Freie Presse, Abendblatt, 26. August 1914, S. 1 (online auf ANNO)

[Eine Österreicherin in Frankreich vermisst.] Von Frau Claire Wiener, die am 2. d. noch in dem französischen Seebad Deauville weilte, ist seither keine Nachricht eingelangt. Jene Personen, welche etwa Frau Wiener nach diesem Zeitpunkt gesehen oder gesprochen haben, werden ersucht, ihre Wahrnehmungen an Dr. Grab, 1. Bezirk, Spiegelgasse 13, gelangen zu lassen.

Neue Freie Presse, 30. August 1914, S. 10 (online auf ANNO)

Frau Claire Wiener wird seit dem 1. d. vermisst. Sie verweilte zuerst in Ostende, dann in Deauville und Paris. Etwaige Mitteilungen erbittet die Mutter, Frau Wiener, 2. Bezirk, Prinzenallee 40, oder Baden bei Wien, Hotel Esplanade.

Glücklicherweise tauchte Claire schließlich wieder auf (und wird sich 1915 mit dem späteren Tennisstar Umberto de Morpurgo – der Wiener Hautevolee bestens bekannt als Hubert von Morpurgo –vermählen5). Bei einigen jedenfalls dürften wohl angesichts dieser dramatisch klingenden Vermisstenmeldungen ganz besondere Erinnerungen aufgekommen sein. Drei Jahre zuvor, im Sommer 1911, hatten Zeitungen der kaiserlichen Residenzstadt die lebenslustige Claire gar für tot erklärt (ein Irrtum, wie man später eingestehen musste6). Besonderes Engagement hatte hier, warum auch immer, das Neue Wiener Journal an den Tag gelegt. Nachfolgend der diesbezügliche Text und was Karl Kraus dazu einfiel:

Neues Wiener Journal, 24. Juni 1911 (online auf ANNO)

Das Ende einer Wiener Lebedame

Wie wir erfahren, ist die in der Wiener Gesellschaft bekannte Lebedame Claire Wiener in Paris gestorben. Vor einem Jahre etwa ist sie zu kurzem Aufenthalt nach Monte Carlo gefahren, wo sie die Bekanntschaft eines reichen Bankiers machte. In Gesellschaft ihres Verehrers besuchte sie die fashionablen Orte der französischen Riviera und begab sich, da sie plötzlich erkrankte, nach Paris, um einen hervorragenden Arzt zu konsultieren. Wie mitgeteilt wird, musste sich Fräulein Wiener einer schweren Operation unterziehen, die auch angeblich gelang. Nach der Operation stellten sich aber Komplikationen ein, die den Zustand der Patientin verschlimmerten. Donnerstag ist sie in Paris gestorben.

Claire Wiener war eine stadtbekannte Schönheit. Als junges Mädchen kam sie aus ihrer Heimat, einem kleinen galizischen Städtchen, nach Wien, wo sie bald in der Lebewelt Aufsehen machte. Unsere reichen Lebemänner umschwärmten das bildschöne Weib, das begreiflicherweise den Verlockungen nicht widerstand. Sie führte das Leben einer großen Amoureuse. Die größten Juweliere Wiens bekamen Aufträge zur Lieferung von kostbarem, reichem Geschmeide, die ersten Konfektions- und Wäschehäuser besorgten die Garderobe für die Dame. Tatsächlich machte überall, wo sie erschien, im Theater, im Konzertsaal, auf dem Turf, nicht nur ihre blendende Schönheit, sondern vor allem der üppige Luxus in Schmuck und Kleidung sensationelles Aufsehen.

In Begleitung ihrer Verehrer machte sie weite Reisen. Im Sommer war sie in den fashionabelsten Kur- und Badeorten, in Karlsbad und Ostende, in Franzensbad und Scheveningen zu sehen. Einen kurzen Teil des Winters verbrachte sie in Wien und begab sich dann an die französische Riviera, wo sie bis zum Frühling verblieb. Den großen Aufwand bestritten natürlich ihre Verehrer. Ihre Schönheit ermöglichte ihr, sorgenlos zu leben. Zu Zeiten, da sie ohne Gesellschaft dastand, mussten Juweliere und Modesalons borgen. Zumeist auch, ohne später befriedigt zu werden.

Claire Wiener stand im 26. Lebensjahre. In Wien hatte sie in der letzten Zeit keine feste Wohnung. Kam sie nach Wien, dann wohnte sie bei ihrer Schwester, die an einen Prokuristen eines angesehenen Hauses verheiratet, von diesem aber dann geschieden ward.

Claire Wiener starb, als sie auf der Höhe ihres Liebes- und Lebensglücks stand. Die qualvollen Jahre der Entbehrung, die sich in solchen Fällen immer einstellt, wenn die äußeren Reize geschwunden, blieben ihr erspart…

 

Die Fackel, 13. Jahrgang, Heft 326–328, 8. Juli 1911, S. 69–71

Die Schönheit, der Tod und das Gesindel

Ich hatte die Sätze niedergeschrieben:
Eine Schönheit ist gestorben. Darauf legt der Journalismus wenig Wert. Was bedeutet es dem Auswurf, der davon lebt, dass die Schönheit gestorben ist? Eine Lokalnotiz oder nicht einmal die. Wie sich je nach der sozialen Schmutzfarbe die Presse in solchem Falle schlecht benimmt, daran wird der Unterschied zwischen einem Skandalblatt und einem Bildungsblatte deutlich. Die einen bedauern, dass sie gelebt hat, die andern bedauern nicht, dass sie gestorben ist. Die subalterne Gehässigkeit der bürgerlichen Moral entrüstet sich über den Tod der »Lebedame«, rechnet ihr die Einkünfte nach und hält sich schadlos durch die Eröffnung, dass nichts zurückgeblieben ist. Sie findet ihren Ausdruck im Neuen Wiener Journal und ihre Diskretion in der Neuen Freien Presse. Unter den schmierigen Fingern, die es nicht erwarten können, sich über »das Ende einer Wiener Lebedame« herzumachen, zerfällt der reichste Inhalt in Klischees. Es ist, als ob sie den Tod beschmierten, der es sich endlich einmal überlegen sollte und nicht immer nur dem Leben die Freude, sondern den Bürgern die Schadenfreude verderben müsste. »Die größten Juweliere Wiens bekamen Aufträge zur Lieferung von kostbarem, reichem Geschmeide, die ersten Konfektions- und Wäschehäuser besorgten die Garderobe für die Dame«. Aber das ist nicht etwa das Lob einer Existenz, die mehr zur großstädtischen Kultur beiträgt als sämtliche Gemeinderatsbeschlüsse, sondern ein in notdürftiges Deutsch gepresstes »Sehderanda, aufgewachsen bei Boutons und Jupons!«
»In Begleitung ihrer Verehrer machte sie weite Reisen. Im Sommer war sie in den fashionabelsten Kur- und Badeorten, in Karlsbad und Ostende, in Franzensbad und Scheveningen zu sehen. Einen kurzen Teil des Winters verbrachte sie in Wien und begab sich dann an die französische Riviera, wo sie bis zum Frühling verblieb. Den großen Aufwand bestritten natürlich ihre Verehrer.« Aber das ist nicht etwa Information, sondern die Belehrung des Bürgers durch alte Erfahrungssätze. »Ihre Schönheit ermöglichte ihr, sorgenlos zu leben«. Mit Verachtung schreibt es die Hässlichkeit nieder. Dafür bleibt dieser wieder manches erspart: »Zu Zeiten, da sie ohne Gesellschaft dastand, mussten Juweliere und Modesalons borgen.« Man denke. Aber bemerkenswert an diesen posthumen Eingriffen ins Privatleben ist das Vertrauen in die soziale Feigheit der »Verehrer«, die sich nicht, wie es rechtens wäre, mit der Hundspeitsche in der Hand zum Andenken der »Lebedame« bekennen werden. »Claire Wiener starb, als sie auf der Höhe ihres Liebes- und Lebensglückes stand. Die qualvollen Jahre der Entbehrung, die sich in solchen Fällen immer einstellt, wenn die äußeren Reize geschwunden, blieben ihr erspart … « So geht es immer, der Tod nimmt das Hilfszeitwort und setzt drei Punkte an den Schluss. Eine versöhnliche Stimmung bemächtigt sich der Tugend, die nun nicht mehr wütend ist, da sie erfährt, dass auch die Schönheit nicht von Bestand ist und der Tod jede Schneiderrechnung ausgleicht. Diesem Bedürfnis kommt das Neue Wiener Journal entgegen. Die Neue Freie Presse aber begräbt eine weibliche Frau auf dem Friedhof der Namenlosen. Ihr Tod ist zwar für jenes gesellschaftliche Interesse, dem die Kleine Chronik dient, erheblicher als der eines Mitglieds der Akademie der Wissenschaften, ihr Dasein war kulturell wichtiger als das eines deutsch-freisinnigen Abgeordneten und ihr Gesicht war schöner, als selbst das des Hirsch in der Jagdausstellung – macht nichts, nicht genannt soll sie werden. Denn sie war zwar eine Jüdin und die Juden konnten stolz sein, dass eine von ihnen es so weit gebracht und vor dem internationalen Geschmack das Wiener Schönheitsideal für die bekannten Zumutungen der Quantität rehabilitiert hat. Aber sie hat einen Fehler gehabt: Sie hat sich für Politik nicht interessiert, sich jenes natürlichen Agitationsmittels bedient, das heute ihrem Geschlecht nicht zusteht, und es unterlassen, vom Pariser Sterbebett die Neue Freie Presse in ihrem Kampf gegen das Wahlkompromiss zu bestärken.

*

Dies hatte ich notiert, ehe eine Tatsache gemeldet wurde, die allerdings noch erfreulicher ist als der liberale Wahlsieg. Der Tod hat es sich wirklich überlegt, und das liebe Fräulein kam mit dem Nekrolog davon. Dieser soll infolge einer Verwechslung eingetreten sein. Man wird hoffentlich Gegenmittel anwenden und wenigstens das Bedauern der Moral erzwingen, dass sie eine totgesagt hat, die sie um ihres Lebens willen bedauerte. In diesem Falle sollte es aber auch möglich sein, mit dem Berichtigungsparagraphen ein Blatt zum Widerruf seines Schweigens zu bringen.

1 Digitalisat der Biblioteka Narodowa (Polnische Nationalbibliothek): https://polona.pl/item/489512/2/
2 Georg Gaugusch: Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800–1938. Band 2: L–R. Amalthea, Wien 2016, S. 2334
3 Heinrich Benedikt: Damals im alten Österreich. Erinnerungen. Amalthea, Wien–München 1979, S. 217
4 Lehmanns Adressbuch Wien 1914, Band 2, S. 380 (online)
5 Georg Gaugusch: Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800–1938. Band 2: L–R, 2016, S. 2334
6 Claire Wiener – lebt. In: Neues Wiener Journal, 2. Juli 1911, S. 10 (online auf ANNO)

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