Stauffenbergs Gefährten, Teil 1/2: Rudolf von Marogna-Redwitz, Böcklinstraße 27/Rustenschacherallee 12 (1938-1944)

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Von Misshandlungen gezeichnet: Rudolf von Marogna-Redwitz vor dem Volksgerichtshof in Berlin, Oktober 1944. Foto: Deutsches Bundesarchiv.
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Mit Marogna-Redwitz seit den 1920er Jahren bekannt: Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944), der Kopf von Operation Walküre.

In den 1950er Jahren, so wird erzählt, war die von Richard Esriel entworfene Villa zwischen Böcklinstraße und Rustenschacherallee in einem beklagenswerten Zustand. Nun präsentiert sie sich tipp-topp renoviert, mit kleinen Beeten in den Vorgärten, und nichts deutet auf ihre Vergangenheit hin, auf jene Tage, als sie ein Wiener Zentrum für Operation Walküre bildete, diese am 20. Juli 1944 so tragisch gescheiterte Verschwörung innerhalb der deutschen Wehrmacht. Mehr als 200 Personen wurden in der Folge hingerichtet, darunter auch ein Mann, der von Claus Schenk Graf von Stauffenberg persönlich mit der Walküre-Durchführung in Wien betraut war, ein Mann, der in erwähnter Villa wohnte: Rudolf von Marogna-Redwitz, Leiter der deutschen Abwehr in Wien und von großer Bedeutung für den österreichischen Widerstand, wurde nach einem Schauprozess vor Roland Freislers Volksgerichtshof am 12. Oktober 1944 in Berlin-Plötzensee gehängt.

Was sich in den Jahren zuvor in der Pratervilla abspielte, »liebe Frau Dr. Huch, das möchte ich ihnen sagen können. Mein Mann galt als Engel und Retter all der armen Menschen, die sich an ihn wandten – und wir wussten uns umgeben von lauernden Teufeln«, wird Anna von Marogna-Redwitz, seine Witwe, an die Schriftstellerin Ricarda Huch am 20. Juli 1947 in einem Antwortbrief schreiben. Gemeinsam mit ihrem Gatten und den Kindern Elisabeth (geb. 1913), Rudolf (geb. 1914) und Hubert (geb. 1919) hatte sie nach dem »Anschluss« in der Böcklinstraße 27 gelebt (laut Meldezettel ab dem 24. Juni 1938). Rechtmäßiger Besitzer des Hauses war Dr. Hans Arthur Schäfer gewesen; seine Biographie liegt – noch – im Dunkeln, derzeit vorliegende Dokumente deuten darauf hin, dass Schäfer jüdisch war und vielleicht emigrieren konnte (sein Sohn Wolf Aron wird 1973 im israelischen Haifa versterben). Wer genau in den nächsten Jahren nun als »Hausherr« agierte und die Miete für diese NS-Dienstwohnung kassierte, ist via Grundbuch leider nicht eruierbar. »Man musste eigentlich immer nur Treppen steigen«, erzählte Marognas Tochter Elisabeth in ihrem Erinnerungsband jedenfalls über die Villa. »So hatte ich zum Beispiel meinen Flügel im Parterre, meine Schränke im Souterrain und mein Bett in einem winzigen Mansardenzimmer. Im ersten Stock lag eine riesige Terrasse, von der man in den Prater blickte. Sie war wunderschön, doch wie viele traurige und erregte Gespräche wurden gerade auf dieser Terrasse geführt!«

»Im ersten Stock lag eine riesige Terrasse, von der man in den Prater blickte. Sie war wunderschön, doch wie viele traurige und erregte Gespräche wurden gerade auf dieser Terrasse geführt!«

Zwar trügen hier Elisabeths Erinnerungen – die große Terrasse befindet sich im zweiten Stock. Dennoch bildet ihr Buch eine interessante Quelle nicht allein nur zur Geschichte des Pratercottage, sondern auch zur Historie der NS-Zeit in Österreich und Deutschland an sich: Marogna-Redwitz, der »katholische Graf«, wie er hämisch von seinen Widersachern in Berlin genannt wurde, ein den Monarchisten zugewandter Aristokrat, hatte sich den Nazis offenbar aufgrund einer stark humanistisch geprägten Charakterdisposition sowie seiner tiefen Religiosität wegen entgegengestemmt. In Wien wohnte der in München geborene Oberst – allerdings wohl ein Zufall – nicht nur nahe der Wittelsbachstraße (sic!), sondern auch neben der kleinen Holzkirche, die sich ursprünglich zwischen Böcklinstraße und Rustenschacherallee befand und in den 1960er Jahren durch einen neuen Sakralbau ersetzt wurde. Und in seiner unmittelbaren Umgebung lebten auch viele österreichische Juden, zusammengedrängt in Sammelwohnungen, Menschen, die später in Riga, in Maly Trostinec, in Theresienstadt ermordet werden. Über Marogna-Redwitz’ Gedanken zu diesem qualvollen Leid in seiner Nachbarschaft kann man leider nur spekulieren – von ihm, einem auf Geheimhaltung gedrillten Mitglied der Spionage-Welt, sind leider keine persönlichen Aufzeichnungen bekannt. Von einem konkreten Vorfall berichtet jedenfalls seine Tochter Elisabeth von Loeben: Einmal am Abend, es war schon dunkel, klopfte ein von den Nazis bedrohter jüdischer Schneider an die in der Rustenschacherallee befindlichen Fenster von Marognas Villa und ersuchte erfolgreich um Hilfe.

Erwiesen ist jedenfalls, dass er während jener Zeit zwischen 1938 – 1944, als er die Abwehrstelle im Wehrkreiskommando XVII – es war im Regierungsgebäude am Stubenring angesiedelt – leitete und Aufklärungsarbeit vorwiegend über die UDSSR, aber auch den Balkanraum und den Nahen Osten betrieb, nicht nur viele jüdische Agenten beschäftigte und sie so bewusst dem Zugriff von NS-Behörden entzog, sondern auch österreichischen Widerstandskämpfern massive Schützenhilfe zuteil werden ließ. »Er war dem Widerstand vollkommen verschworen«, erzählte Fritz Molden über den bayrischen Offizier, der eigentlich Musiker werden wollte. Seinen Cousin Alfons Stillfried brachte Marogna in der Auslandsbriefprüfstelle (ehemalige Produktenbörse, Taborstraße 10) unter, wo dieser ein Netzwerk konservativer Widerstandsgruppen koordinierte (sie mündeten schließlich in der überparteilichen Bewegung 05). Und über Marogna, so Radomir Luza in seinem auf der Sammlung des DÖW basierenden Standardwerk Der Widerstand in Österreich 1938-1945, lief überdies »die Verbindung zu den deutschen Militärs, die sich am Widerstand beteiligten«.

Oster-Dohnanyi-Guttenberg

Widerstandskämpfer in der deutschen Abwehr, vlnr.: Hans Oster (1887-1945), Hans von Dohnanyi (1902-1945) und Marognas entfernter Verwandter Karl Ludwig von und zu Guttenberg (1902-1945). Fotos: Deutsches Bundesarchiv, Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Die engsten Verbündeten fand Marogna in seiner eigenen Abteilung. Die von Admiral Wilhelm Canaris geleitete Abwehr beherbergte einige der bekanntesten Widerständler innerhalb der deutschen Wehrmacht (die, wie wir unter anderem dank Walter Manoschek wissen, keineswegs »sauber« war, sondern sich teilweise aktiv am Vernichtungskrieg beteiligte): Manche Offiziere waren schon seit 1933 erbitterte Gegner des NS-Regimes, bei anderen wuchs der Zweifel an den Nazis nach anfänglicher Hurra-Begeisterung erst im Laufe der Jahre – wohl auch befeuert durch militärische Niederlagen. Dementsprechend scheel wurde die Abwehr von ihrem Geheimdienst-Zwilling, dem der SS unterstellten Sicherheitsdienst (SD) betrachtet. Marogna, der Mann aus der Böcklinstraße, stand hier unter besonderer Beobachtung. Erwin Lahousen-Vivremont, Wiener Generalmajor und einer der Stellvertreter von Canaris, berichtete etwa über ein gemeinsames Treffen mit Ernst Kaltenbrunner, dem brutalen österreichischen Nachfolger von Reinhard Heydrich an der Spitze des SD: »Dem Admiral fiel es immer schwerer, dem Gespräch zu folgen, und er beschränkte sich auf nichtssagende Phrasen über die Zusammenarbeit, bis Kaltenbrunner auf dieses Thema hin sehr kritische Bemerkungen über den Leiter der Abwehrstelle Wien, den Grafen Marogna-Redwitz, macht, einen persönlichen Freund des Admirals und von mir, wie Sie wissen.«

Wilhelm Canaris

Seine Abteilung beherbergte wesentliche Persönlichkeiten des Widerstandes: Admiral Wilhelm Canaris (1887-1945), der zwiespältige Chef der deutschen Abwehr. Foto: Deutsches Bundesarchiv.

Lahousen wird später als wichtiger Kronzeuge in den Nürnberger Prozessen aussagen. Er überlebte die NS-Zeit, im Gegensatz zu seinen Abwehr-Kollegen Hans von Dohnanyi oder auch Karl Ludwig von und zu Guttenberg (ein entfernter Verwandter von Marogna, der ihn zudem in Wien getroffen hatte), die von den Nazis nach der fehlgeschlagenen Operation Walküre ermordet wurden. Auch Canaris selbst, der laut Elisabeth von Loeben öfters in der Böcklinstraße zu Besuch war »und lange Gespräche mit meinem Vater geführt« hatte, wurde 1945 u. a. gemeinsam mit dem evangelischen Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (übrigens Hans von Dohnanyis Schwager) hingerichtet. Wie sehr die Villa im Pratercottage als kleine Schaltzentrale für die Verschwörer des 20. Juli 1944 diente, lässt sich auch an den wiederholten Treffen mit Hans Oster ablesen: »Viele Gespräche meines Vaters in unserer Villa mit dem Chef des Stabes von Canaris, Oberst Oster, einem der erbittertsten Gegner des Naziregimes, drehten sich um diesen Punkt.« »Dieser Punkt« – damit sprach Marognas Tochter vor allem die Auswahl vertrauenswürdiger Persönlichkeiten für die angepeilte Regime-Änderung an. Konspirative Wiener Gespräche mit jenem jungen deutschen Offizier, der im Herbst 1943 gemeinsam mit Stauffenberg Operation Walküre ausgearbeitet hatte, einem Mann, der ebenfalls zum innersten Kreis der Verschwörer zählte, sind überdies sehr gut vorstellbar: Hans-Ulrich von Oertzen hatte seit der Annexion Österreichs 1938 ein Quartier im Pratercottage, seine Geschichte wird hier in diesem Blog ebenfalls erzählt werden.

Lahousen-Bernardis-Szokoll

Marognas österreichische Verbündete, vlnr.: Erwin Lahousen-Vivremont (1897-1955), Robert Bernardis (1908-1944), Carl Szokoll (1915-2004). Fotos: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes.

Im April 1944, nach der schrittweisen Übernahme der Abwehr durch die SS, war es Himmler schließlich auch möglich, die Abberufung des ihm verhassten Marogna-Redwitz in die Wege zu leiten. Kurz danach, im Mai 1944, wurde der Graf, dessen Söhne im Krieg gefallen waren, von Claus Schenk von Stauffenberg und General Friedrich Olbricht zum Sonderbeauftragten für die Heeresrüstung im Wehrkreis XVII in Wien ernannt. Operation Walküre war in der Tat sorgfältig konzipiert, auch in Wien, wo am 20. Juli 1944 NS-Größen verhaftet und die Garnisonen planmäßig die Gebäude des Staatsapparates zu besetzen begannen. Umso fataler daher mutet ihr Scheitern an.

Robert Bernardis: Am 19. [Juli, Anm.] hat sich nichts weiter ereignet, als dass Haeften mich bat, den Oberst Graf Marogna-Redwitz, der mir dienstlich zugeteilt war, davon zu verständigen, dass er nach Wien fahren sollte.
Roland Freisler: Wussten Sie, dass er auch mit der Sache zusammenhing?
Bernardis: Ja.
Freisler: Er sollte also, kurz gesagt, der Verbindungsoffizier sein.
Bernardis: Seine Aufgabe war mir nicht im Einzelnen bekannt, auch nicht, wer von ihm besucht werden sollte, aber etwa dem Sinne nach.

Werner von Haeften wird sich vor Stauffenberg werfen, als dieser nach Mitternacht am 21. Juli 1944 im Hof des Berliner Bendlerblocks exekutiert wird. Der österreichische Oberstleutnant Robert Bernardis – er hatte telefonisch den Walküre-Befehl für den Wehrkreis III (konkret: für die Gebiete außerhalb Berlins) ausgelöst – wird nach einem abstoßenden, von Roland Freisler geleiteten Schauprozess vor dem Volksgerichtshof am 8. August 1944 hingerichtet. Rudolf von Marogna-Redwitz, dem nach Gelingen von Walküre gemeinsam mit Karl Seitz (SPÖ) und Josef Reither (ÖVP) eine politische Führungsrolle in Österreich zugedacht war, wird am 21. Juli 1944 in der Villa Böcklinstraße 27 verhaftet, zum Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz gebracht, danach in Berlin vor Freislers Volksgerichtshof gezerrt und am 12. Oktober 1944 in Berlin-Plötzensee gehängt. Operation Walküre war gescheitert – doch Carl Szokoll, der ebenfalls von Stauffenberg persönlich instruierte Wiener Hauptmann, jener Mann, der später mit Operation Radetzky als ein »Retter Wiens« in die Geschichte einging, blieb unentdeckt: Marogna und Bernardis hatten ihn nicht verraten.

Anna von Marogna-Redwitz erfuhr von der Hinrichtung ihres Mannes erst Tage später. Am 23. Oktober 1944 bekam die Witwe Post von der Oberstaatsanwaltschaft:

Berlin, 19. Okt. 1944

Der Oberstaatsanwalt
beim Volksgerichtshof
Geschäftszeichen: O J. 12744 gRs.

An Frau
Anna Gräfin von Marogna-Redwitz
geb. Gräfin Arco
in Wien, Böcklinstr. 27

Der ehemalige Oberst Graf von Marogna-Redwitz ist wegen Hoch- und Landesverrat vom Volksgerichtshof des Großdeutschen Reiches zum Tode verurteilt worden.
Die Veröffentlichung einer Todesanzeige ist unzulässig.
Im Auftrag
gez. Unterschrift (unleserlich)

LITERATUR
Elisabeth von Loeben, Graf von Marogna-Redwitz. Opfergang einer bayrischen Familie (Tuduv Verlag, München; 1984)
Radomir Luza, Der Widerstand in Österreich 1938-1945 (Österreichischer Bundesverlag, Wien; 1985)
Otto Molden, Der Ruf des Gewissens (Herold Verlag, Wien; 1958)
Fritz Molden, Die Feuer in der Nacht. Opfer und Sinn des österreichischen Widerstandes 1938-1945 (Amalthea Verlag, Wien-München; 1988)
Wolfram Wette, Hrsg., Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Polizei, Wehrmacht und SS (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 2004)
Michael Mueller, Canaris (Propyläen Verlag, Berlin; 2006)

1 Kommentar zu “Stauffenbergs Gefährten, Teil 1/2: Rudolf von Marogna-Redwitz, Böcklinstraße 27/Rustenschacherallee 12 (1938-1944)”

  1. […] die in der Böcklinstraße Nr. 34 lebte. Rosi wohnte zudem genau vis-à-vis von jener Villa, in der Rudolf von Marogna-Redwitz, der Chef der deutschen Abwehr in Wien, logierte – nur die Straße musste überquert werden. […]